31.01.2017

Der Feel-Good-Effekt

Haptik wurde erstmals 1892 vom deutschen Psychologen Max Dessoir beschrieben und wird heute in Enzyklopädien als „tastendes Begreifen“ eines Objekts definiert. Im Bau und Möbeldesign gewann die Haptik in den letzten Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung. Mag. Christian Dallio, Direktor der Einrichtungsberater-Schule Kuchl, beleuchtet die Hintergründe der haptischen Wahrnehmung und betont, wie wichtig es ist, ob sich etwas gut anfühlt oder nicht.

Wie wichtig ist der Tastsinn für Menschen – emotional, aber auch im täglichen Leben zur Alltagsbewältigung?

Der Tastsinn ist schon sehr früh für uns Menschen wesentlich. Für Kleinkinder und ihre Wissbegierde hat er sehr große Bedeutung. Ebenso wird er später für ältere Menschen wieder wichtig, wenn die Sehkraft schwindet. In den Jahren dazwischen ist er meist nachrangig und oft auf die Qualitätsprüfung von Materialien beschränkt. So haben beispielsweise meine schneidernde Großmutter und auch meine Mutter die Qualität von Stoffen tatsächlich erfühlt. Für die meisten Menschen ist der Tastsinn wohl so etwas wie ein „Reserve-Sinnesorgan“.

In den letzten Jahren bemerke ich jedoch mit dem Trend zur Perfektion, dass auch dieser Aspekt mehr Beachtung bekommt. Wenn möglichst alles makellos sein muss – Form, Farbe, Klang – dann darf die Haptik dem in nichts nachstehen.  

Verändert sich eigentlich der Tastsinn im Lauf des Lebens, z.B. vom Neugeborenen zum Kleinkind, in der Pubertät oder im Alter?

Der Tastsinn selbst verändert sich meiner Meinung nach nicht, aber die Bedeutung der wahrgenommenen Eindrücke. Während für ein Neugeborenes der Körperkontakt mit der Mutter oder dem Vater Sicherheit vermittelt, ist für pubertierende Jugendliche das wohl prägendste haptische Erlebnis der erste Kuss. Und im reiferen Alter mag dann die Haptik in Zusammenhang mit Statussymbolen zum Ausdruck kommen – in der Rauheit eines Ledersofas, der Glätte einer Autokarosserie, der Geschmeidigkeit eines Teppichs.

Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht die Haptik von Möbeloberflächen?

Inzwischen von großer Bedeutung. Heute muss alles stimmen, wie schon angesprochen. Wenn eine Oberfläche wie Holz aussieht, muss sie sich auch so anfühlen. Hier ist wohl der größte Umbruch passiert. Hätte man einem Kunden vor zehn Jahren einen Massivholz-Parkettboden mit ausgekitteten Rissen und Ästen angeboten, wäre man in hohem Bogen hinausgeschmissen worden. Jetzt weiß der gut informierte Konsument, dass ein Baum verschiedenste Formen, Risse und Fehler hat, ja haben muss. Deshalb will er sie auch sehen und spüren. Das heißt, er will die harten und weichen Jahresringe von Holz fühlen können. Eine Schichtstoffplatte mit Eichendekor in Hochglanzoberfläche wäre höchst unglaubwürdig.

Dazu kommt, dass Menschen mit der Einzigartigkeit von Naturprodukten und den „Launen der Natur“ auch ihre eigene Individualität zum Ausdruck bringen möchten. Vereinfacht gesagt: So unverwechselbar wie ich selbst bin, soll auch meine Einrichtung sein.

Ist das mit der heutigen Massenproduktion vereinbar? Kann die Industrie diesem Bedürfnis überhaupt gerecht werden?

Ich denke, das ist kein Widerspruch. Der Drang zur individuellen Entfaltung ist ein Fakt. In einer Klasse mit 30 Schülern sind keine zwei Personen zu finden, die annähernd die gleiche Bekleidung tragen. Das Outfit dient der Darstellung der Persönlichkeit. Diese Individualität wollen die Menschen auch in ihrer Einrichtung leben. Und hier kommt der gut ausgebildete Einrichtungsberater oder Innenarchitekt zum Zug. Er ist gefordert, aus der unglaublich großen Auswahl an Materialien und Formen eine spezielle, auf die jeweilige Person maßgeschneiderte Wohnlandschaft zusammenzustellen. Die Haptik der Materialien ist dabei ein Effekt, der gezielt eingesetzt werden kann. 

Wurde oder wird dieser Aspekt Ihrer Meinung nach ausreichend von den Entwicklern und Möbelplanern berücksichtigt?

Von manchen schon, von vielen noch nicht. Lange Zeit sind wir in der Branche dem Leitsatz „form follows function“ gefolgt. In Zukunft sollten Designer wohl auch „fühlt sich gut an“ in Betracht ziehen. Dabei wird es eine Herausforderung sein, mit der Geschwindigkeit der technischen Entwicklungen Schritt zu halten. Aber es liegt ohne Zweifel ein großes Potenzial für alle Gestalter, Handwerker und Produktentwickler in diesem Thema, und es schafft kreativen Spielraum für die Zukunft. 

 

Mag. Christian Dallio studierte Innenarchitektur und Design an der Universität für Angewandte Kunst in Wien, gründete Ende der 70er Jahre das Architekturbüro „Atelier Dallio“ und ist Direktor der Einrichtungsberater-Schule Kuchl. www.ebs-kuchl.at