12.12.2016

Sichtbare und unsichtbare Qualitäten

Für blinde oder sehbehinderte Menschen spielen Materialien in der Wahrnehmung eines Raumes eine ebenso große Rolle wie für Menschen mit einem guten Sehvermögen. Aber es kommen oftmals andere Aspekte zum Tragen, beschreibt Dr. Markus Wolf, Präsident des Blinden- und Sehbehindertenverbands Österreich.

Welche Eindrücke oder Wahrnehmungen sind für blinde oder sehbehinderte Menschen in Zusammenhang mit Einrichtung wesentlich? 

Wenn es um Möbel und Einrichtungsgegenstände in einem sehr vertrauten Bereich geht, etwa zuhause oder an einem Arbeitsplatz, haben wir Menschen mit einer Sehbehinderung mehr oder weniger die gleichen Bedürfnisse wie andere Personen. Da ist es vor allem wesentlich, ob die Materialien für einen selbst ein Wohlbefinden auslösen oder nicht. Und das kann individuell durchaus unterschiedlich sein.

Anders ist es in fremden Räumen oder überhaupt im öffentlichen Raum. Hier spielen Materialien mit ihrer Beschaffenheit, ihrer Struktur und auch ihrer Farbe für die Orientierung eine wesentliche Rolle. So sind gute Kontraste für sehbehinderte Menschen sehr wichtig, um sich gut zurechtzufinden. Graue Säulen auf einem grauen Boden stellen beispielsweise eine echte Herausforderung dar. Starke Kontraste und Muster in der Oberflächenstruktur bieten dagegen eine Hilfestellung.

Was ist vor diesem Hintergrund ausschlaggebend, ob sie sich in einem Raum wohlfühlen oder nicht? 

Das Gefühl der Sicherheit ist zweifellos der wichtigste Aspekt. Da kommt es darauf an, dass die Einrichtung durchdacht angeordnet ist und dass keine Verletzungsgefahr besteht. Ich selbst hatte einmal eine schlecht geplante Küche mit einer vorspringenden Kante, an der ich mich regelmäßig verletzt habe. Solche Gefahrenquellen sind zwar auch für gut sehende Menschen und insbesondere Kinder nachteilig, aber für einen blinden Menschen wie mich sind sie fatal.

Bedeutsam ist ebenso – und das mag überraschend sein – wie gut sich die Möbel reinigen lassen. Denn auch wenn ich selbst Fingerabdrücke, Schlieren oder Schmutz nicht sehen kann, will ich einen guten Eindruck bei anderen hinterlassen und als ordentlich gelten. Da muss ich mich verlassen können, dass Oberflächen ohne aufwändiges Polieren sauber werden. 

Was ist aus funktionaler Sicht wichtig, um sich in einem Raum besser bewegen zu können? 

Ganz wichtig ist Licht – so absurd das im ersten Moment klingen mag. Es wird sehr oft vergessen, dass sehbehinderte Menschen mehr Licht brauchen, aber vor allem indirektes Licht, das nicht blendet. So muss beispielsweise berücksichtigt werden, dass manche Oberflächen stark spiegeln oder unangenehme Reflexe verursachen. Das ist ein Aspekt, der oftmals im Gegensatz zu herrschenden Modeströmungen steht. 

Das heißt, der Trend zu Hochglanz- oder Spiegelglanz-Oberflächen ist bei Sehbehinderte nicht gerade angesagt …

Wahrscheinlich nicht. Denn zusätzlich sind diese Materialien ja auch noch besonders schmutzempfindlich.

Für jeden Menschen sind andere Sinneseindrücke für das Raumgefühl prägend. Für den einen stehen Gerüche an erster Stelle, für den anderen sind Farben maßgeblich, und der dritte beurteilt aufgrund der haptischen Eindrücke, ob er sich wohlfühlt oder nicht. Ganz generell gesprochen, wozu tendieren blinde oder sehbehinderte Menschen?

Ich denke, die wichtigsten Sinne sind das Hören und das Spüren. Für mich ist etwa die Akustik ganz bedeutsam. Wie klingt ein Raum? Wie kommen Geräusche zurück? Was verändert sich, wenn ich abends die Vorhänge schließe? All das hat großen Einfluss, wie ich den Raum wahrnehme. Ebenso zentral sind Strukturen und Materialtemperatur. Fühlt sich eine Oberfläche gut an? Vermittelt sie Geborgenheit? Oder wirkt sie abweisend? Das alles ist zweifellos für gut sehende Menschen auch wichtig – doch für uns ist es essenziell. 

Dr. Markus Wolf ist Präsident des Blinden- und Sehbehindertenverband Österreich. www.blindenverband.at