24.11.2016

Die Psychologie der Farben

Farben erzeugen eine Welt im Kopf. Sie leiten unser Unterbewusstsein. Und sie lenken unser Verhalten. Unbeeindruckt von unserem Wissen und Denken beeinflussen Farben den Menschen, weiß die Psychologin Dr. Susanne Hackl-Grümm vom Psychotechnischen Institut. Ob das für alle Menschen gleichermaßen gilt und wie man in der Praxis daraus Nutzen ziehen kann, beantwortet sie im Interview für den FunderMax show:room. 

Wie sind Farbempfindungen in uns Menschen verankert? Sind sie angeboren oder haben sie sich kulturell entwickelt?

Grundsätzlich zählen Farbempfindungen zu den „Urprägungen“ des Menschen und sind durch die genetische Erfahrung bestimmt, die die Denkstrukturen und Instinkte der gesamten Menschheit formen. Der Tiefenpsychologe C.G. Jung spricht vom so genannten „kollektiven Unterbewusstsein“, wenn etwa „rot“ von allen Menschen als „warme Farbe“ empfunden wird. Farben sind Signale für den menschlichen Organismus – sie warnen den Körper und zeigen ihm, worauf er sich einstellen muss.

Gibt es einige grundlegende, vielleicht sogar universelle Gesetzmäßigkeiten der Farbwirkung? 

Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Manche Farbempfindungen sind physiologisch bedingt. So assoziieren wir Menschen mit der Farbe Grün die Natur und das Wachstum, mit der Farbe Rot Liebe, Kampf oder Aggression, und Blau beruhigt. Gleichzeitig gibt es aber auch kulturelle Prägungen. Und nicht zuletzt werden Farbassoziationen durch Erfahrungen beeinflusst. Beispielsweise haben wir im Laufe unseres Lebens gelernt, dass bestimmte Dinge bestimmte Farben tragen – z.B. dass die Orange eine ganz bestimmte Farbe namens Orange hat oder dass Pflaumen blau und Gurken grün sind.

Spielen aber nicht auch kulturspezifische Unterschiede in der Farbwahrnehmung und -deutung eine Rolle?

Ja, in der Deutung gibt es tatsächlich zwischen den einzelnen Kulturen große Unterschiede. Während etwa in unserem Kulturkreis Schwarz die Farbe der Trauer ist, bringen Chinesen ihre Trauer mit Weiß zum Ausdruck. Die Wirkung von Farben auf den Menschen ist aber auf der ganzen Welt gleich.

Können Sie die wichtigsten Farben kurz charakterisieren?

Sehr vereinfacht gesprochen kann man den starken Farben folgende Beschreibungen zuordnen: Rot ist die wirkungsvollste Farbe und aktiviert den Organismus. Es verleiht im wahrsten Sinne des Wortes Flügel und lässt uns schneller reagieren, schneller laufen. Die Farbe Rot steht für Gefühle und starke Erregung.

Blau ist seit Jahren die erklärte Lieblingsfarbe vieler Menschen, auch der Österreicher. Sie strahlt Ruhe und Vertiefung, aber auch Sehnsucht aus. Reines Blau ist eine weibliche, passive Farbe, die sich auf das geistige Leben bezieht.

Gelb wirkt strahlend und anregend. Es besitzt grundsätzlich einen heiteren Charakter und vermittelt eine warme, behagliche Atmosphäre. Das Gehirn produziert bei der Konfrontation mit Gelb tatsächlich Serotonin und löst damit ein angenehmes Gefühl aus.

Grün ist die Farbe des Lebens. Diese Symbolik entsteht aus der Beobachtung des pflanzlichen Wachstums. Wenn etwas ergrünt, ergibt sich Hoffnung auf neues Leben.

Weiß ist bekanntermaßen keine Farbe im physikalischen Sinn. Es entsteht durch die maximale Reflexion der auftretenden Lichtstrahlen. Traditionellerweise verbindet man mit der Farbe Weiß das Reine, das Unberührte, Unbefleckte, das Unschuldige.

Schwarz entsteht, wenn ein Körper sämtliche Lichtstrahlen absorbiert, und ist damit auch seiner physikalischen Entstehung nach der absolute Gegenpol zu Weiß. Das zeigt sich auch in den Assoziationen zur Farbe Schwarz. Im Gegensatz zu Weiß, das vorwiegend mit positiven Assoziationen in Zusammenhang gebracht wird, provoziert Schwarz einen sehr hohen Anteil an negativen Vorstellungen, an Ängsten, Befürchtungen usw.

Welche Bedeutung haben – vor diesem Hintergrund – Farben am Markt und in der Gestaltung?

All die Vorstellungen zu Farben sind beim erwachsenen Menschen sehr fest verankert. Ob es sich um Lippenstift oder Bankenwerbung handelt – überall zeigt sich, dass durch den intensiven Einsatz der Farbe die Vorstellungsbilder des Produkts und der Marke, aber auch des Konsumenten, der sie in Anspruch nimmt, deutlich beeinflusst werden. Damit lenken die Farben aber auch unser Verhalten. Denn wenn ich mich zum Beispiel als schneller, spritziger Autofahrer fühle, werde ich vor allem von Automarken angezogen werden, die es auch durch ihre Werbung verstehen, mir den Eindruck zu vermitteln, dass sie schnelle, spritzige Autos verkaufen. Rote Autos werden von mir deutlich bevorzugt werden.

Wird die Wirkung der Farben aus Ihrer Sicht bei der Planung von Gebäuden, aber auch von Inneneinrichtung ausreichend berücksichtigt?

Das ist aus meiner Sicht recht unterschiedlich. Viele Planer setzen recht bewusst bestimmte Farben ein, denke ich. Manche haben sich hingegen vielleicht noch nicht ausreichend damit befasst. Und in seltenen Fällen wird die Wirkung der Farben auf die Nutzer der Räume offenbar bewusst missachtet. Denn erwiesenermaßen fühlen sich Hotelbesucher in einem komplett schwarzen Zimmer nicht besonders wohl, da Schwärze und Dunkelheit eine Nichtwahrnehmung bedeutet, die  bewusst oder auch unterbewusst Ängste verursacht – im Finsteren fürchtet man sich eben. Dennoch wurden und werden solche Bauten errichtet und oftmals sogar als bahnbrechende Architektur gefeiert.

Dr. Susanne Hackl-Grümm leitet den Bereich Marktpsychologie und Motivforschung am Psychotechnischen Institut Wien und war Dozentin für Werbepsychologie an der Werbeakademie Wien. www.psychotech.at